Portfolio von Publizist Philipp Genetti
Puntarelle und Safran aus Sirmian
Puntarelle und Safran aus Sirmian

Puntarelle und Safran aus Sirmian

Die Landwirtschaft ist die wichtigste Triebkraft der Wirtschaft in der Gemeinde Nals und konzentriert sich vorwiegend auf Obst- und Weinbau in den Tal- und Hanglagen. Ganz im Trend der Zeit versuchen sich zwei innovative Bauern auch mit Nischenprodukten. Zwei dieser Pilotprojekte findet man in der Fraktion Sirmian, genauer gesagt auf dem Hauser- und Unterhauser-Hof.

Die ersten Anläufe, abseits der bekannten Anbauflächen die Landwirtschaft in Südtirol gezielter zu fördern, gehen auf das Bemühen der sogenannten europäischen LEADER-Projekte zurück. „LEADER“ ist die Abkürzung für den französische Projekttitel „Liason entre Actions de Developement de l‘Economie Rurale“, was auf Deutsch so viel wie „Verbindung von Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft“ bedeutet. Es ist eine Gemeinschaftsinitiative der Europäischen Union, die es bereits seit 1991 gibt und für die sich verschiedene Regionen aus ganz Europa bislang immer für einen Zeitraum von jeweils 6 Jahren mit einer lokalen Entwicklungsstrategie bewerben können. Vorausgesetzt wird eine genaue Analyse der Region, aus der Ziele und Maßnahmen für den untersuchten Raum definiert werden.

Das Kernthema der „LEADER“-Projekte ist dabei im Wesentlichen die Förderung ländlicher Regionen hin zu einer eigenständigeren Entwicklung: einerseits durch die Begünstigung von Kooperationen innerhalb der Region, andererseits auch durch konkrete Maßnahmen zur Stärkung und Entwicklung des ländlichen Lebensraums, der Wirtschaft und der Lebensqualität.

Die sogenannten lokalen Aktionsgruppen, kurz LAG, die die ansässige Bevölkerung vertreten sollen, erarbeiten im Rahmen der unterschiedlichen LEADER-Entwicklungsprogramme für die jeweiligen LEADER-Gebiete gezielte Aktionspläne und definieren davon ausgehend dann einzelne Vorhaben für den ländlichen Raum. Zwar gehörte das Gemeindegebiet um Nals bislang noch nicht zu den ausgewählten LEADER-Gebieten. Allerdings zeigte das europäische Entwicklungsprogramm auch hier bereits seine Wirkung.

Nischenlandwirtschaft am Unter­hauserhof

Der Unterhauserhof (980 Meter ü. d.M.) im Weiler Obersirmian ist einer jener Landwirtschafts­betriebe, die sich einstweilen von einem solchen Förderprojekt inspirieren ließ und dadurch seine heutige Ausrichtung gefunden hat. Nachdem sich die generationsübergreifende Bauernfamilie über die Jahrhunderte hinweg vor allem mit Vieh- und Weidewirtschaft über Wasser gehalten hatte, wurde dies mit der Zeit immer schwieriger, sodass die Familie vom Unterhauserhof Anfang der 2000 er Jahre nach einer neuen Einnahmequelle Ausschau hielt. „Nachdem wir über unterschiedliche Wege von den LEADER-Projekten in Südtirol erfahren haben und die verschiedenen Initiativen zum Anbau von Erdbeeren verfolgt hatten, haben wir den Entschluss gefasst, selbst den Versuch auf unserem Hof zu wagen“, erinnert sich der Unterhauser-Bauer Stefan Faller. Begleitet wurde das Pilotprojekt von der Obstversteigerung EGMA in Vilpian und dem tatkräftigen Mitwirken von Joachim Schmuhl.

Dem jungen Landwirt Stefan Faller gefiel die neue Geschäftsidee auf Anhieb und so trug er nach Abschluss der Landwirtschaftsschule in Salern alsbald mit dazu bei, seine Familie beim Aufbau ihres landwirtschaftlichen Betriebs zu unterstützen. Über 10 Jahre lang wurden auf dem Hof ausschließlich Erdbeeren angebaut. Bis Junior Faller daraufhin einen nächsten Schritt in Richtung Diversität wagte. Ausschlaggebend dafür war der Start der Initiative des Hotelier- und Gastwirteverbandes „Südtiroler Gasthaus“, berichtet Faller im Gespräch. Um in den „Südtiroler Gasthäusern“ nicht nur regionale Küche auf der Speisekarte, sondern auch in der Region angebaute Produkte anbieten zu können, suchten die Initiatoren gezielt Landwirte, die bereit waren, bestimmte Nischenprodukte regional anzubauen und zu liefern. Faller erkannte darin seine Chance.

Seitdem hat sich der innovative Unterhauserbauer in Südtirol längst einen Namen gemacht und sich gleichzeitig mehr und mehr auf den Gemüseanbau spezialisiert. Neben rund 30 verschiedenen Tomatensorten kultiviert er heute verschiedenste Nischenprodukte, die von traditionellen Blattsalaten, Krautsorten, Artischocken bis hin zu seinem jüngsten Projekt, dem Anbau von „Puntarelle“, gehen und setzt damit im von Wein- und Apfelanbau geprägten Nalser Gemeindegebiet eine beachtenswerte Alternative.

„Das Besondere an Safran ist sei­ne starke Widerstandsfähigkeit, bis zu -15 Grad. Außerdem braucht die Pflanze wenig Wasser und entwickelt sich am besten auf lockeren und leicht sandigen Böden“, erklärt Felix. Arbeitsintensiv ist hingegen vor

Bergsafran aus Sirmian

Auf dem naheliegenden Hauserhof findet man in Obersirmian ein weiteres innovatives Projekt. Es ist ein Experiment, das der Hauserhof-Bauer Walter Brugger seit nun bereits 5 Jahren auf knapp 1000 Meter über dem Meeresspiegel mit seinem Neffen Felix Brugger verfolgt, in dem sie qualitativ hochwertigen Safran anbauen.

Die Initialzündung für das gemeinsame Projekt war im Wesentlichen die Neugierde der Beiden, nämlich auszuprobieren, ob das Naturprodukt in dieser Höhe überhaupt überlebensfähig wäre. Nachdem Walter mit seiner Frau auf Rai Südtirol dann einen Beitrag über den Safrananbau in Capriana bei Trient (Val di Fiemme) gesehen hatte und Felix kurze Zeit später unabhängig davon mit dem Vorschlag kam, gemeinsam ein Pilotprojekt zu wagen, war die Bauernfamilie sofort einer Meinung.

Fasziniert vom gemeinsamen Vorhaben, hat sich Walters Neffe daraufhin intensiver mit dem Safrananbau auseinandergesetzt, sich mit dem Safran-Zunftmeister des Pionierdorfes Mund in der Schweiz getroffen und schlussendlich einen Spezialisierungskurs zur Kultivierung von Safran in den Alpen an der Berg­universität Unimont in Edolo, einem Ableger der „Università degli studi di Milano“, besucht. Zurück auf dem Hof des Onkels in Obersirmian verlief die erste Safransaison, bei dem die Bruggers Knollen aus Portugal und Spanien gepflanzt hatten, leider enttäuschend. Dennoch ließen sich Walter und sein Neffe davon nicht abbringen und versuchten es 2018 erneut. Diesmal mit Knollen aus der Toskana. Eine richtige Entscheidung! Jene Knollen zeigten sich in dieser Umgebung nämlich als viel geeigneter und lieferten endlich die gewünschte Qualität.

„Das Besondere an Safran ist sei­ne starke Widerstandsfähigkeit, bis zu -15 Grad. Außerdem braucht die Pflanze wenig Wasser und entwickelt sich am besten auf lockeren und leicht sandigen Böden“, erklärt Felix. Arbeitsintensiv ist hingegen vor allem die Safranernte Mitte September bzw. Anfang Oktober, für die es tüchtige Handarbeit erfordert. Mittlerweile wurde ihr Safran bereits zum vierten Mal in Folge von der Uni­mont-­Uni­ver­si­tät in Edolo mit der höchs­ten Qualitätsstufe ausgezeichnet. Ein Grund mehr, der die experimentierfreudige Familie am Hauserhof dazu ermutigt, ihr Pilotprojekt weiterzuverfolgen. Zur Freude all jener Wanderer, die zur Blütezeit im Frühherbst immer wieder auch am Hof in Obersirmian vorbeispazieren und das einzigartige Farbenspiel des Safranackers bestaunen können.

Dieser Beitrag erschien in der Bezirkszeitung „Die BAZ“. Näheres unter www.diebaz.com